Antrag auf Finanzierung einer Fachstelle gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Kreis Coesfeld

Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

Gewalt gegen Kinder stellt ein aktuelles gesellschaftliches Problem auf dem Land wie in der Stadt dar:

Nach einer aktuellen repräsentativen Studie für Deutschland (Fegert 2017) berichten 6,5% der Befragten über schwere emotionale Misshandlung in Kindheit und Jugend, 6,7% über schwere körperliche Misshandlung und 7,5% über schweren sexuellen Missbrauch. 22,5% der Befragten gaben an, Opfer schwerer körperlicher Vernachlässigung in Kindheit und Jugend gewesen zu sein.

Zusätzlich nimmt Mobbing durch Gleichaltrige immer stärker zu. Insbesondere den Themen Mobbing und (sexualisierte) Gewalt in digitalen Medien (über Facebook, WhatsApp, Snapchat etc.) kommt dabei eine besondere Bedeutung zu:


 

Das Problem

Tatsache ist, dass sich von Gewalt betroffenen Kindern und Jugendlichen mannigfaltige Hindernisse in den Weg stellen, wenn sie versuchen, sich Hilfe zu holen. Oft werden sie nicht gehört, nicht ernst genommen. Ihre Hilferufe werden abgetan, verschwiegen oder übersehen.

Insbesondere Kinder und Jugendliche, die in ländlichen Regionen aufwachsen, haben nur selten die Möglichkeit, aus eigener Kraft Beratungsstellen aufzusuchen, bei denen sie Unterstützung erhalten. Die Wege sind oft zu weit und zu kostspielig. Häufig ist den Kindern und Jugendlichen nicht mal bekannt, wo sie Hilfe erhalten könnten.

Für den Kreis Coesfeld kommen folgende Erschwernisse hinzu: Gelingt es Kindern oder Jugendlichen, den Weg in die nächstgrößere Stadt (Münster oder Dortmund) zu organisieren, sind die dort verfügbaren Hilfen häufig gebunden an kommunale Finanzierungen und somit für Bewohner*innen ländlicher Räume nur begrenzt zugänglich. Spezialisierte Angebote, wie z.B. in Hinsicht auf sexuelle Gewalt, sind eher in den großen Städten verankert.


 

Also: Was braucht gelingender Kinderschutz in ländlichen Regionen?

Das „Modellprojekt, Kinderschutz im ländlichen Raum, 2018“ äußert sich folgendermaßen: „Vorausschauendes politisches Handeln tut gut daran, sich rechtzeitig um innovative Ideen zu bemühen, um zu verhindern, dass Kinder und ihre Familien in ländlichen Bereichen ins Abseits geraten“.

Bürger*innen, insbesondere die Kinder und Jugendlichen, sind angewiesen auf gut erreichbare Ansprechpartner*innen vor Ort und regional verankerte professionelle pädagogische Fachkräfte.


 

Die neue Konzeptidee des DKSB KV Coesfeld e.V.

Der DKSB KV Coesfeld e.V. möchte eine Brücke bauen zu den Kindern und Jugendlichen, die Hilfe brauchen.

ALLE Kinder, Jugendlichen und deren Familien im Kreis Coesfeld sollen zukünftig die reelle Chance erhalten, sich unkompliziert Hilfe und Unterstützung bei Problemen im Kontext von Gewalt einzuholen: Wir fahren zu den Kindern und Jugendlichen in die Städte und Ortsteile des Kreis Coesfeld und bieten ihnen unsere Unterstützung an. Um Hilfe zu erhalten, soll man zukünftig nicht mehr mehrere Personen ansprechen müssen, und man muss auch keine weiten Wege zurücklegen, für die man kein Geld hat.

Wir sind vor Ort bei den Kindern und Jugendlichen und hören ihnen zu!

Selbstverständlich gibt es im Kreis Coesfeld bereits einige sehr professionell arbeitende und gut aufgestellte Angebote für Kinder und ihre Familien, allerdings gehen die Kinder und Jugendlichen aus oben dargestellten Gründen sehr selten alleine dort hin.

Die besondere Konzeptidee sieht nun vor, sich nicht mehr nur allein auf die Komm- Struktur zu verlassen, sondern folgerichtig überwiegend dorthin zu gehen, wo die Kinder und Jugendlichen bereits sind.

Ziel ist es also, die Kinder, Jugendlichen und auch ihre Familien fortan besser zu erreichen, zu versorgen und professionelle Hilfen schneller und flächendeckender verfügbar zu machen.


 

Im Einzelnen bedeutet dies:

In allen elf Gemeinden bzw. Städten des Kreises Coesfeld werden alle zwei Wochen jeweils zweistündige offene Sprech- / und Beratungszeiten angeboten, die nicht in öffentlichen Gebäuden wie Rathaus, Ämter, etc. stattfinden, was für die Kinder und Jugendlichen eine sehr hochschwellige Zugangsvoraussetzung implizieren würde,sondern an Orten, an denen sich die Kids sowieso bereits aufhalten bzw. die zu betreten ihnen deutlich leichter fällt, wie Jugendzentren, Schulen, Vereine, etc.

Somit ist eine maximale Niedrigschwelligkeit gegeben.

Wir sind jedoch ausdrücklich nicht nur alle zwei Wochen für zwei Stunden im Rahmen von Beratung für von Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche sowie ihre Familien vor Ort, sondern bieten darüber hinaus in einem zusätzlichen monatlichen Stundenkontingent von weiteren 73,5 Stunden weitere individuell zu vereinbarende Hilfe- und Unterstützungszeiten, die flexibel und bedarfsorientiert auf die Ortsteile sowie Städte verteilt werden können.

 

Es wird also zwei Möglichkeiten geben, die Mitarbeiter*innen des DKSB KV Coesfeld e.V. persönlich für ein Gespräch zu treffen:

  1. In Not geratene Kinder und Jugendliche bzw. ihre Familien können uns in ihrem Heimatort in dem dort ansässigen Jugendzentrum, Schule, etc. zu festgelegten, verlässlichen Präsenzzeiten aufsuchen,
  2. oder sie kontaktieren uns über diverse Medien und wir verabreden mit ihnen ebenfalls in ihrem Heimatort einen – außerhalb der Präsenzzeiten gelegenen - bedarfsgerechten individuellen Termin.

Das bedeutet Niedrigschwelligkeit in höchster Form.

Neben der persönlichen „face to face“- Beratung sowie der telefonischen Beratung soll es ein intensives Online-Beratungsangebot geben. Die Beratung soll kostenfrei und auf Wunsch anonym erfolgen.


 

Öffentlichkeitsarbeit soll wie folgt stattffinden:

  • Vorstellung des Angebots sowie der Mitarbeiter*innen in sämtlichen Schulen und Jugendzentren des Kreis Coesfeld in den ersten Monaten,
  • entsprechende Kontaktdaten in Form von Visitenkarten werden ausgehändigt.
  • Entwicklung einer kindgerechten Homepage: Kinder und Jugendliche können sich hier mittels einfacher Texte über das Angebotsspektrum der Fachstelle informieren und ggf. auch über den virtuellen Weg einen ersten Kontakt herstellen.

Das Angebot richtet sich an sämtliche Kinder und Jugendlichen im gesamten Kreis Coesfeld, die Opfer von Gewalt waren oder noch sind. Auch in kleinen Gemeinden haben sie nun – informiert durch die großflächig verteilten Visitenkarten - die Möglichkeit, sich im Rahmen ihrer eigenen Lebenswelt vor Ort Information, Unterstützung und Hilfe einzuholen.


 

Zielgruppen der Fachstelle sollen sein:

  1. Kinder, Jugendliche und junge Volljährige bis 27 Jahre, die von Gewalt betroffen sind oder bei denen der Verdacht besteht, dass sie Gewalt erleben oder erlebt haben. Der Zugang zu sehr jungen Kindern wird ebenfalls über das Präventionsprojekt „Mut tut gut“ des DKSB KV Coesfeld e.V. realisiert.
  2. Bezugs- und Vertrauenspersonen der Kinder und Jugendlichen. Die Information und Sensibilisierung von Eltern und anderen Erwachsenen gegenüber Gewalt beinhaltenden Problemlagen sowie einer präventiven Erziehungshaltung ist unabdingbar. Durch das niedrigschwellige Beratungsangebot können Eltern bzw. Bezugs- und Vertrauenspersonen der Kinder und Jugendlichen bedarfsgerecht für die Inanspruchnahme von weiteren Hilfen sensibilisiert werden.
  3. Auch Fachkräfte (Lehrer*innen, Schulsozialarbeiter*innen, Mitarbeiter*innen der Jugendzentren, Multiplikator*innen, Mitarbeiter*innen anderer Beratungsstellen, etc.), die beruflich mit Gewalt an Kindern und Jugendlichen konfrontiert sind...
  4. … sowie Bürgerinnen und Bürger, die Fragen zum Thema Gewalt haben oder Rat suchen, sollen in der Fachstelle Unterstützung finden.

 

 

 

Beratungsthemen können sein:

 

  • „Mein Vater schlägt mich fast an jedem Tag“ - Erfahren körperlicher Gewalt
  • „Meine Mutter hasst mich, weil ich angeblich so bin wie mein Vater“ - Erfahren psychischer Gewalt
  • "Mein Vater schlägt meine Mutter." - Miterleben häuslicher Gewalt
  • "Keiner interessiert sich für mich; ich kriege nicht mal Mittagessen." - Vernachlässigung
  • "Mein Bruder will, dass ich ihn anfasse und küsse." - Sexualisierte Gewalt
  • "Wenn ich nicht zahle, werde ich geschlagen" - Gewalt auf dem Schulweg
  • "Ich will so nicht mehr weiterleben" - Selbstmordgedanken aufgrund von Gewalterfahrungen
  • "Mein Nacktfoto kursiert im Internet" – Missbräuchlicher Umgang mit Sexting
  • "Ich werde von allen gehänselt" - Mobbing
  • "Meine Freunde lästern auf Facebook über mich" – Cybermobbing

Vor dem Hintergrund der Migrationswelle der vergangenen Zeit soll die Fachstelle auch mit kultursensibler Beratung vertraut sein und bei Bedarf spezielle Angebote für Migrant*innen entwickeln und vorhalten.


 

Was leistet die neue Fachstelle gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen also zusammengefasst?

  • Kontaktaufnahme zu Kindern und Jugendlichen in allen 11 Gemeinden bzw. Städten im Kreis Coesfeld
  • Information der Kinder und Jugendlichen über zur Verfügung stehende Unterstützungs- und Hilfemaßnahmen vor Ort
  • Vertrauensaufbau durch beständige Ansprechpartner*innen
  • Zweiwöchentliche psychosoziale Beratung sowie entsprechende Hilfemaßnahmen zu konstant festgelegten verlässlichen Zeiten vor Ort in allen elf Gemeinden bzw. Städten des Kreis Coesfeld für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Eltern und Familien
  • Zusätzliche psychosoziale Beratung und Therapie sowie entsprechende Hilfemaßnahmen zu individuell vereinbarten Zeiten vor Ort in allen elf Gemeinden bzw. Städten des Kreis Coesfeld – auch in den kleineren Ortsteilen für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Eltern und Familien
  • Krisenintervention in enger Kooperation mit ggf. zuständigen Behörden
  • Psychosoziale Beratung und Therapie zu folgenden Themen: (traumatische) Gewalterfahrungen, wie Vernachlässigung, psychische, körperliche, sexuelle, häusliche Gewalt, Mobbing, Cybermobbing, Sexting, etc.
  • Entwicklung einer kindgerechten Homepage, auf der die Unterstützungsangebote der Fachstelle sowie viele weitere Informationen in leichter Schrift erklärt werden
  • telefonische Beratung sowie ein intensives Online-Beratungsangebot
  • unbürokratische Unterstützungsangebote wie z. B. die Begleitung zu Terminen bei Polizei, Ärzten, Ämtern, Schulen und Behörden
  • maximale Niedrigschwelligkeit bei allen Angeboten
  • Fachberatung für Fachkräfte (Lehrer*innen, Schulsozialarbeiter*innen, Mitarbeiter*innen der Jugendzentren, Multiplikator*innen, Mitarbeiter*innen anderer Beratungsstellen, etc.)
  • Intensive Öffentlichkeitsarbeit, um auch junge Erwachsene bis 27 Jahren, Eltern, Familien, pädagogisches Fachpersonal sowie alle Bürger*innen über das Angebot zu informieren und es für sie nutzbar zu machen
  • Enge Kooperation mit den zuständigen Behörden sowie fachliche und institutionelle Vernetzung bzw. die Mitarbeit in entsprechenden Gremien

     

    Finanzierung:

    Die Gesamtkosten für die Fachstelle gegen Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Kreis Coesfeld nach dem vorliegenden Konzept belaufen sich auf eine Summe von jährlich 116.574,31 Euro.

    Hinzu kommen einmalige Investitionskosten in Höhe von 4000,00 Euro.


     

    Aktuell gibt es spannende Neuigkeiten in Hinsicht auf den Antrag des DKSB KV Coesfeld e.V.:

    Sollte unser Antrag durch die Jugendhilfeausschüsse des Kreises Coesfeld sowie der Städte Coesfeld und Dülmen genehmigt werden, tritt die Kooperationsvereinbarung mit der Kinderklinik der Christophorus-Kliniken GmbH Coesfeld, die wir in der letzten Woche unterschrieben haben, in Kraft. Diese beinhaltet, dass die telefonische Erreichbarkeit des Kinderschutztelefons des DKSB KV Coesfeld e.V. nach Dienstschluss der Fachstelle (nachts, an den Wochenenden, während der Feiertage) durch die Mitarbeiter*innen der Kinderklinik übernommen wird.

    Somit wird eine 24- stündige Erreichbarkeit für von Gewalt betroffene Kinder, Jugendliche und ihre Familien im Kreis Coesfeld gewährleistet.

    Die Mitarbeiter*innen der Kinderklinik qualifizieren sich durch eine entsprechende Schulung, möglichen telefonischen Krisengesprächen angemessen professionell begegnen zu können.




    Auch der DKSB Ortsverband Münster befürwortet unseren Antrag.